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Trip-Tourismus

vor 1 Tag
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 59 Minuten


Oliver Berlin


Kolumbien zieht immer mehr junge Menschen an, die gezielt nach Rauscherlebnissen suchen – von spottbilligem Kokain bis zu halluzinogenen Pflanzensuden indigener Völker. Doch der Hedonismus und die spirituelle Suche schlagen für viele Reisende in eine Tragödie um: Raub, Psychosen und das Leben auf der Strasse sind die Schattenseiten eines weitgehend unregulierten Booms, der auch von alternativen Reiseanbietern befeuert wird.


Faszination Narco-Kultur und billige Rauscherlebnisse

Der Drogentourismus in Kolumbien bewegt sich in einem hochgefährlichen Spannungsfeld aus Spassgesellschaft, Verbrechen und esoterischer Sinnsuche. Vor allem Städte wie Medellín – insbesondere das Ausgehviertel El Poblado – oder auch Cartagena haben sich zu Hotspots für Partytourismus, Sexarbeit und exzessiven Drogenkonsum entwickelt. Angefeuert durch die Romantisierung der „Narco-Kultur“ in populären Fernsehserien suchen vor allem junge Reisende im Alter zwischen 18 und 35 Jahren den verbotenen Nervenkitzel.

Ein zentraler Magnet ist dabei die leichte Verfügbarkeit chemischer und synthetischer Rauschmittel. Hochreines Kokain kostet auf den Strassen kolumbianischer Metropolen oft nur umgerechnet 3 bis 6 Euro beziehungsweise Schweizer Franken pro Gramm – ein Bruchteil der europäischen Preise bei gleichzeitig ungleich höherer Reinheit. Für ungeübte Konsumenten birgt dieser Reinheitsgrad extrem hohe Risiken für akute Überdosierungen, Herzinfarkte und rasch einsetzende Psychosen.


Zudem lauert im Nachtleben eine unsichtbare Kriminalitätsgefahr: Die organisierte Kriminalität nutzt häufig Scopolamin, ein geruch- und geschmackloses Pflanzenextrakt aus dem sogenannten „Teufelskraut“ (Borrachero). In Drinks gemischt, macht es Opfer innerhalb von Minuten völlig willenlos. Betroffene Touristen werden danach mühelos ausgeraubt, erpresst oder entführt.


Die Illusion der spirituellen Heilung im Dschungel

Neben dem Partytourismus hat sich ein zweiter, rasant wachsender Zweig etabliert: der spirituelle und esoterische Tourismus. Getrieben von einem „Echtheits-Fetischismus“ reisen Menschen tief in den Amazonas – etwa rund um Leticia – oder in die Sierra Nevada de Santa Marta, um bei traditionellen Ritualen Hilfe gegen Depressionen, Traumata oder Lebenskrisen zu suchen.

Im Zentrum steht dabei Yagé, im übrigen Südamerika meist als Ayahuasca bekannt. Bei den indigenen Gemeinschaften wie den Inga oder Kamsá gilt dieser intensiv halluzinogene Pflanzensud aus der Ayahuasca-Liane (Banisteriopsis caapi) und den DMT-haltigen Blättern des Chacruna-Strauchs (Psychotria viridis) keineswegs als Rauschdroge, sondern als heiliger Ritualtrank. Geleitet werden die Zeremonien traditionell von spirituellen Führern, den sogenannten Taitas. Das mit dem Konsum einhergehende starke Erbrechen und die Übelkeit werden im indigenen Kontext als körperliche und geistige Reinigung (Purga) verstanden.


Dieser spirituelle Markt wird zunehmend von alternativen Reiseanbietern und unregulierten Geschäftemachern kommerzialisiert. Zahlreiche selbsternannte „Scharlatan-Schamane“ (Falsos Taitas) bieten im Urwald gefährliche Zeremonien ohne jegliche medizinische Vorabklärung an. In Kombination mit Vorerkrankungen oder der Einnahme von Antidepressiva kann der Wirkstoff DMT tödlich verlaufen. Immer wieder kommt es zudem im berauschten Zustand der Teilnehmer zu Überfällen und sexuellen Übergriffen.


Absturz in die Obdachlosigkeit: Die „Gringos Callejeros“

Die Demografie dieser Risikoreisenden ist breit gefächert: Neben US-Amerikanern und Kanadiern stammen die Touristen vor allem aus Westeuropa – darunter Grossbritannien, Frankreich, die Niederlande, Deutschland und die Schweiz – sowie aus Israel.


Die Schattenseite des Booms lässt sich in den Grossstädten beobachten, wo das Phänomen der „Gringos Callejeros“ – der gestrandeten Ausländer – zugenommen hat. Schätzungen von Sozialarbeitern gehen alleine in Medellín von Dutzenden bis wenigen Hundert Westlern aus, die dauerhaft oder temporär im Elend leben.


Der Leidensweg folgt fast immer demselben Muster: Nach einem Scopolamin-Raub oder exzessivem Substanzkonsum verlieren die Betroffenen Ausweispapiere, Geld und den Bezug zur Realität. Psychotische Schubzustände und schwere Abhängigkeiten führen zum völligen finanziellen Ruin. Der Kontakt zu Angehörigen bricht ab. Schliesslich landen die Verunglückten in den berüchtigten Elendsvierteln wie El Bronx oder San Bernardo in Bogotá oder im Zentrum von Medellín, wo sie betteln oder Gelegenheitsarbeiten verrichten müssen, um ihren Konsum aufrechtzuerhalten. Diplomatische Vertretungen sind in solchen Fällen oft machtlos, da sie rechtlich weder Schulden noch Rückflüge finanzieren dürfen.


Ein Fallbeispiel aus der Praxis: Das Schicksal von „Max“

Wie dramatisch dieser Absturz verlaufen kann, zeigt das Schicksal eines deutschen Staatsangehörigen, der anonymisiert „Max“ genannt wird. Der Anfang 40-Jährige, der im Ausland nach Drogen suchte, bereits an paranoider Schizophrenie litt, geriet in Kolumbien in eine akute psychische Krise und strandete schliesslich wochenlang im Parque Principal von Bello bei Medellín.


Unter starkem Drogeneinfluss schrie er Passanten an, besass keinerlei Dokumente mehr und wies durch schwere infizierte Wunden an Arm und Bein lebensbedrohliche körperliche Schäden auf. Da Max nicht krankenversichert war, Spanisch kaum verstand und jegliche medizinische Behandlung im Wahn verweigerte, standen die örtlichen Notaufnahmen und Behörden vor einem unlösbaren Problem. Weder die Deutsche Botschaft noch die Migrationsbehörden konnten eine Zwangsrückreise veranlassen, da er aufgrund von Verschwörungstheorien die Ausreise verweigerte.


Erst durch den unermüdlichen Einsatz des Schweizer Vereins «COCO - Direkthilfe Kolumbien» und das persönliche Eingreifen seiner Angehörigen gab es eine Rettung. Nach einer Zwischenstation in einer Reha-Einrichtung in Copacabana und einer Einweisung in eine psychiatrische Spezialklinik konnte Max medikamentös stabilisiert werden. Die Migrationsbehörde zeigte Verständnis und erliess eine angesammelte Busse von rund 1'900 Schweizer Franken wegen Visumsüberschreitung nach neun Monaten Aufenthalt, während die Botschaft einen Pass ersetzte. Seine Familie reiste persönlich an und begleitete ihn zurück nach Deutschland. Ohne dieses private Engagement wäre Max unweigerlich auf der Strasse verstorben.


Warum eine echte Prävention fehlt

Der Fall von Max steht stellvertretend für eine wachsende Zahl von Tragödien, die vermeidbar wären. Das Kernproblem liegt im völligen Fehlen einer funktionierenden Prävention und staatlichen Regulierung.


Weder in den Herkunftsländern noch in Kolumbien existieren wirksame Aufklärungskampagnen, die gezielt über die immensen Risiken des Drogentourismus informieren. Alternative Reiseanbieter und Marketingplattformen vermarkten Yagé-Sitzungen und Abenteuertrips oft ungestraft als harmlose Selbsterfahrungsreisen, während die Gefahren von gefälschten Schamanen, hochreinem Kokain und K.-o.-Tropfen verschwiegen werden.


Solange Reiseveranstalter nicht in die Pflicht genommen werden, Vorabklärungen zu verlangen, und solange Behörden keine präventiven Anlaufstellen für gefährdete Touristen schaffen, bevor diese völlig abgleiten, wird die Kette der Abstürze nicht abreissen. Kolumbien braucht eine umfassende Präventionsstrategie – damit Abenteuerträume nicht im Elend auf der Strasse enden.

 
 
 

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