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Das Coiffeur-Paradoxon von Buchs SG

vor 2 Stunden
3 Min. Lesezeit

Zwischen ehrlichem Handwerk und dem Verdacht der Schattenwirtschaft


Oliver Berlin



In der St. Galler Grenzstadt Buchs muss das Haar anscheinend besonders schnell wachsen: Die extrem hohe Dichte an Coiffeursalons und ruinöse Kampfpreise werfen drängende Fragen auf. Handelt es sich um hartes Unternehmertum oder dient das Gewerbe als Kulisse für Geldwäscherei? Ein tieferer Einblick zeigt eine Branche im Spannungsfeld zwischen krimineller Unterwanderung und existenzbedrohten, ehrlichen Handwerksbetrieben.


Die rätselhafte Salon-Dichte 

Wer durch die Bahnhofstrasse in Buchs und deren Umgebung schlendert, dem fällt eine optische Besonderheit auf, die für eine Kleinstadt ungewöhnlich ist: Auf die knapp 14'000 Einwohner kommen aktuell rund 28 Coiffeurbetriebe. Das bedeutet einen Salon auf gerade einmal 500 Personen – eine Dichte, die den Schweizer Durchschnitt fast um das Doppelte übersteigt. In der Branche hat sich dadurch eine scharfe Zweiklassen-Gesellschaft gebildet. Etablierte Traditionsgeschäfte verlangen für einen Haarschnitt aufgrund von Fachkräftemangel, steigenden Energiekosten und den Auflagen des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) mindestens 50 bis 60 Franken. Gleichzeitig schiessen neue Discount-Läden aus dem Boden, die oftmals prominente und teure Flächen in Erdgeschossen mieten, aber Herrenhaarschnitte bereits ab 20 bis 30 Franken anbieten.


Die betriebswirtschaftliche Unmöglichkeit 

Hinter diesen frisch polierten Schaufenstern verbirgt sich eine eklatante „Mathe-Lücke“. An einer Top-Lage wie der Buchser Bahnhofstrasse als Beispiel fallen für ein bescheidenes Lokal von 80 Quadratmetern monatliche Miet- und Nebenkosten von 2'500 bis 3'500 Franken an. Hinzu kommen die GAV-konformen Personalkosten von gut 4'600 Franken pro Angestelltem sowie weitere Betriebsausgaben, was die Fixkosten eines Salons mit zwei Mitarbeitern schnell auf 13'000 bis 15'000 Franken im Monat treibt.


Um bei einem Kampfpreis von 30 Franken lediglich die Gewinnschwelle (Break-Even) zu erreichen, müsste ein Salon über 450 Kunden pro Monat bedienen. In der Praxis hiesse das, dass ein Mitarbeiter an jedem Arbeitstag 10 bis 12 Kunden im 20-Minuten-Takt im Akkord abfertigen müsste – ein Pensum, das laut Branchenexperten qualitativ und physisch über die Grenze des Machbaren geht.



Der Verdacht der Geldwäscherei 

Wenn die Rechnung nicht aufgeht und die Läden oft halbe Tage leer stehen, drängt sich die Frage nach der Finanzierung auf. Buchs ist durch seine Lage an der Grenze zu Liechtenstein und Österreich ein strategischer Knotenpunkt auf einer internationalen Transitachse und rückt wiederholt in den Fokus der Drogenfahndung. Ermittler warnen vor dem sogenannten „Waschsalon-Prinzip“: Da es bei Dienstleistungen im Gegensatz zum Warenhandel keine physische Lagerkontrolle gibt, eignen sich Barbershops ideal, um fiktive Tagesumsätze in die Kasse zu tippen. Auf diese Weise kann illegales Bargeld aus der Betäubungsmittelkriminalität oder dem Schmuggel gewaschen, ordnungsgemäss versteuert und als sauberes Kapital in den legalen Wirtschaftskreislauf eingespeist werden. Häufig wird dieses System von weiteren Delikten wie Schwarzarbeit, Lohndumping, Sozialversicherungsbetrug und Verstössen gegen das Ausländerrecht begleitet.


Gefährlicher Generalverdacht und die ehrlichen Betriebe 

Doch in der hitzigen Debatte droht eine essenzielle Differenzierung unterzugehen, denn nicht jeder günstige Barbershop ist Teil eines kriminellen Netzwerks. Für viele Menschen mit Migrationshintergrund bietet das Handwerk mit seinem überschaubaren Startkapital eine ehrliche Chance auf eine selbstständige Existenz. Zahlreiche Betriebe in Buchs arbeiten hart – Mitarbeiter stehen sechs Tage die Woche im Laden und beleben durch ihre Nische in der Herrenpflege das Quartierbild.


Die wahre Tragik ist, dass genau diese seriösen Unternehmer in eine fatale Zangenbewegung geraten. Sie werden nicht nur durch das ruinöse Preisdumping der unsauberen Konkurrenz wirtschaftlich untergraben, sondern leiden auch am stärksten unter dem Generalverdacht und dem Imageverlust, der die gesamte Branche trifft. Auch der Branchenverband Coiffure Suisse ist alarmiert und kämpft durch Aufklärung und Zertifizierungen dafür, das Prestige des Berufs zu schützen und faire Arbeitsbedingungen wieder ins Zentrum zu rücken.


Forderung nach Transparenz und die Verantwortung der Konsumenten – und der Stadt

Um die ehrlichen Betriebe zu schützen und dem Geschäftsmodell „Geldwäsche durch Haarschnitt“ den Boden zu entziehen, ist der Staat gefordert. Es braucht den konsequenten Vollzug bestehender Gesetze durch unangekündigte Kontrollen der Arbeitsmarktbehörden und der Finanzpolizei. Dabei muss besonders die Buchhaltung genau geprüft werden: Stimmen zum Beispiel die eingekauften Materialmengen (wie Shampoo) mit den deklarierten Kundenzahlen überein? Wie steht die Stadtverwaltung Buchs zur aktuellen Blütezeit der Haarpfleger? Ist sie sich ihrer Verantwortung bewusst, jegliches kriminelles Substrat bekämpfen zu müssen auch wenn dabei Steuergelder fehlen würden?


Letztlich steht jedoch auch die Gesellschaft in der Verantwortung. Ein billiger Haarschnitt für 20 Franken wird kollektiv teuer erkauft – durch hinterzogene Steuern, vorenthaltene Sozialabgaben, Ausbeutung oder gar die Legitimierung von Drogengeldern. Ob Buchs in Zukunft wieder ein Ort des fairen Wettbewerbs wird, entscheidet sich somit nicht nur an der Durchsetzungskraft der Behörden, sondern auch an der Bereitschaft der Konsumenten, den Wert einer ehrlichen und fairen Dienstleistung wieder anzuerkennen.

 
 
 

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